„Wer, wenn nicht wir!“ – Seenotretter über ihre Motivation, ihre griechischen Kollegen zu unterstützen

Alle deutschen Seenotretter, die vor Lesbos ihre griechischen Kollegen unterstützen und ausbilden, haben sich für diesen besonderen Einsatz freiwillig gemeldet. Was motiviert sie dazu? Was bewegt sie? Mit welchen Erwartungen reisen sie in die Ägäis? Wie haben sie sich vorbereitet?

Wir haben Seenotretter aus unterschiedlichen Regionen Norddeutschlands porträtiert. Einige von ihnen haben Wurzeln im tiefsten Binnenland. Hier wie dort nehmen die Familien regen Anteil am selbstlosen Engagement ihrer Angehörigen.

 

Portrait-Baumgaertel„Ein Stück Völkerverständigung“
Thomas Baumgärtel, Station Bremerhaven

Thomas Baumgärtel gehörte zum „Vorauskommando“ der Seenotretter auf Lesbos. Die Station in Mytilini hat der Wilhelmshavener mit aufgebaut. Er und Wolfgang Behnk lösen sich im 14-täglichen Wechsel als Station Manager ab.

„Wir beherrschen das Handwerk der Seenotrettung und leisten unseren griechischen Kollegen, die mit ihren Ressourcen verständlicherweise am Ende sind, Hilfe zur Selbsthilfe. Ich sehe unsere Arbeit dort auch als ein Stück Völkerverständigung. Auf einen solchen Einsatz kann man sich zwar im Kopf vorbereiten, doch wie ein jeder von uns mit den erschwerten Anforderungen umgeht, wird sich zeigen.“

Der 49-Jährige zählt auf das Team und den Zusammenhalt an Bord. Er war zunächst freiwilliger Seenotretter und ist seit zehn Jahren bei der DGzRS fest angestellt.

 

heiko-froehle1„Es muss etwas getan werden“
Heiko Fröhle, Station Hooksiel

Heiko Fröhle aus Sande-Dykhausen ist annähernd vier Jahre freiwilliger Rettungsmann auf dem Seenotrettungskreuzer VORMANN STEFFENS in Hooksiel. „Es muss etwas getan werden. Und wir können in der Ägäis das einsetzen, was wir beherrschen“, antwortet der 56-jährige selbstständige Handwerker, der früher zur See gefahren ist, vor seiner Abreise auf die Frage, warum er sich entschieden hat, in Griechenland dabei zu sein. „Dennoch ist uns allen klar, dass keiner so genau weiß, was ihn dort unten erwartet und wie er damit umgehen wird.“

 

 

 

Portrait-Behnk„Jeder sollte das tun, was er kann“
Wolfgang Behnk, Ausbildungsstation Neustadt i. H.

„Kein Vater und keine Mutter dieser Welt setzt das Leben eines Kindes aufs Spiel, wenn die Not und Ausweglosigkeit sie nicht dazu treiben würde“, sagt Wolfgang Behnk. Der gebürtige Schleswiger wuchs im Ruhrgebiet auf und war jahrzehntelang als Marinesoldat auf See. Seit vier Jahren gibt er sein umfangreiches Wissen als ehrenamtlicher Ausbilder in den Schulungseinrichtungen der DGzRS an die Seenotretter weiter. Außerdem ist er stellvertretender Vormann eines Seenotrettungsbootes.

Auf der Ausbildungsstation der DGzRS in Neustadt i. H. ist er Ausbildungsleiter, in Mytilini Station Manager – Behnk bringt viel Erfahrung mit auf die Insel Lesbos. „Natürlich fahre ich mit gemischten Gefühlen dorthin. Wir alle kennen die Bilder aus dem Fernsehen, aber wir werden erst dort erfahren, in welchem Maße wir gefordert sind. Auch psychisch.“

 

Portrait-Fader„Seenotretter zu sein, ist für mich mehr als ein Beruf“
Ulrich Fader, Station Bremerhaven

„Ich bin Seenotretter – das ist für mich mehr als nur ein Beruf. Deshalb bin ich der Meinung, dass man diese Menschen, die auf der Flucht vor Bomben und Terror sind, nicht einfach ihrem Schicksal überlassen darf.“ Ulrich Fader hat keinen Moment gezögert. Als erster hat er die Verantwortung des Vormanns der MINDEN getragen.

Der Schwabe, den es 1980 an die Nordsee zog, hat den Seenotrettungskreuzer in die Ägäis überführt und die Leitung der ersten Einsatzcrews übernommen. Nicht zuletzt war er entscheidend daran beteiligt, das Einsatzkonzept nach den ersten Erfahrungen vor Ort zu verfeinern.

In 33 Jahren bei der DGzRS war Ulrich Fader bei manchem Einsatz dabei, der ihm im Gedächtnis geblieben ist. Spektakulär ist ein Wort, das er dabei ungern verwendet. Vor Lesbos warten ganz neue Herausforderungen auf den erfahrenen Vormann. „Gemischte Gefühle haben wir alle“, sagt der 52-Jährige. „Wir haben zweifelsohne die Erfahrungen und die Kompetenz, zu retten. Aber keiner von uns weiß vorher, wie ihn die Situation emotional packen wird!“

 

Portrait-Just„Wer, wenn nicht wir!“
Maik Just, Station Zinnowitz/Usedom

„Wer, wenn nicht wir!“, sagt Maik Just. Seit mehr als zwölf Jahren ist er freiwilliger Seenotretter. Geboren und aufgewachsen in Sachsen-Anhalt, brachte ihn ein Bauingenieurwesen-Studium an die Ostsee. Als er vom geplanten Einsatz der DGzRS in der Ägäis unter dem Motto „Retter helfen Rettern“ hörte, war er gedanklich „sofort mit im Boot“. „Da muss man etwas unternehmen. Meine Frau denkt da wie ich und unterstützt mich – darüber haben wir uns ernsthaft ausgetauscht.“

Dem 50-Jährigen ist klar, dass die Seenotretter im Vorhinein nicht wissen können, was im Einsatz in der Ägäis auf jeden einzelnen zukommt. Was er weiß, ist: „Wir sind sehr gut darauf vorbereitet worden. Beim Einführungsseminar und beim Training habe ich hochmotivierte und hochprofessionelle Kollegen um mich herum gehabt.“

 

 

michael-benjes1„Ich möchte etwas zurückgeben“
Dr. Michael Benjes, Station Hooksiel

Dr. Michael Benjes ist Facharzt für Innere Medizin, Rettungsmediziner und Seenotarzt der DGzRS; seine Praxis befindet sich in Hohenkirchen. Seit fünf Jahren ist er als freiwilliger Seenotretter zur Stelle, wenn die Besatzung des Seenotrettungskreuzers VORMANN STEFFENS aus Hooksiel zu einem Notfall ausrücken muss und dringend ärztliche Begleitung benötigt.

Der 49-Jährige schätzt das Know-how und den Teamgeist der Mannschaft, diese wiederum weiß, dass sie sich auf seine Mitarbeit und spontane Bereitschaft verlassen kann. „Mit dieser Initiative in Griechenland reagiert die DGzRS auf die Not der Flüchtlinge und die Belastung der griechischen Retter vor Ort. Ich möchte mithelfen und bin auch dabei, weil ich der DGzRS etwas dafür zurückgeben möchte, dass sie mich so gut ausgebildet hat“, sagt Benjes, der im Bosnien-Krieg in einem Flüchtlingslager gearbeitet hat.